Leben in Fülle- auch in der Krise?!

Wir alle sitzen seit Wochen im selben Boot. Mir kommt es vor, als würde es mal eine totale Flaute durchleben: Wenn draußen kein Motorengeräusch bekundet, dass heute Werktag ist und die Straßen wie leergefegt wirken. Dann wiederum fühle ich mich wie beim Rafting, von Stromschnelle zu Stromschnelle, in Angst, dass wir kentern oder einer über Bord gehen könnte: Wenn die Nerven nach 7 Wochen zwischen Kinderbetreuung, Haushalt und neu strukturiertem Berufsleben blank liegen, oder ich mit Freunden telefoniere, deren Einnahmequelle völlig unvorhersehbar weggebrochen ist. Wenn alte oder behinderte Menschen in Pflegeeinrichtungen isoliert werden.

Spätestens jetzt muss ich korrigieren: Wir sitzen nicht im selben Boot. Bei manchen ist das Bott wesentlich komfortabler als bei anderen. Bei einigen ist es nur eine Nussschale, die wesentlich schneller zu kentern droht, die lange nicht so gut ausgerüstet ist.

Das Nervenzehrende ist auch die Ungewissheit: Wie lange wird das so weitergehen? Wann werden unsere Kinder wieder in die Schule gehen statt Fernunterricht zu haben (ich verweigere das Wort „Homeschooling“, schließlich bin nicht ich die Lehrerin meines Kindes, sondern der Lehrer nimmt andere Wege zum Schreibtisch meines Kindes auf, aber es ist immer noch er/sie, der hier unterrichtet, das möchte ich niemandem streitig machen!)? Wann werden wir wieder unsere Berufe ausüben können, ohne Masken hinter und vor dem Tresen stehen können?

Ich bin eigentlich jemand, dessen Glas immer voll ist. Manche nennen mich deswegen auch mal „Gutmensch“. Aber ich bin auch lieber Gutmensch als Schlechtmensch, oder?!

Gott meint es gut mit uns. Das begründet sich für mich im 23. Psalm, „Der Herr ist mein Hirte…“. Dort heißt es: „Du schenkst mir voll ein.“ (Ps 23, 5). Ein Leben in Fülle hat er uns verheißen. Die Frage ist also nicht: ist mein Glas halbvoll oder halbleer, sondern die Frage ist: wie kann ich dieser von Gott verheißende Fülle in meinem Leben Raum geben?

Ich merke, dass es mich überfordert, wie in den Medien für und wider das Coronavirus argumentiert wird. Wie Verschwörungstheorien aller Couleur mich anstrengen und ich langsam auch denke: damit will ich mich nicht länger aufhalten. Es vergiftet meine Seele und hilft mir nicht weiter.

Ich richte mich auf das aus, was mir persönlich näherliegt und was für mich einfach auch in diesen Zeiten die Frage hinter allem ist: Wo ist Gott in all dem? Was trägt mich durch diese Krisenzeit? Was trägt die Menschen um mich herum?  Wo ist hier die Fülle, die er uns verheißt, mitten in dieser Krise des Corona-Virus, aber auch der anderen Krisen, die still und fast unbemerkt nebenherlaufen, nämlich der Krise des Klimas mit der Trockenheit und der Krise der Mitmenschlichkeit in den Flüchtlingslagern vor den Toren Europas?

Ist das nicht zynisch, hier von einem Leben in Fülle zu sprechen?

Ich denke nicht. Ich denke, dass im Gegenteil diese Diskrepanz gerade uns vor Augen führt und bewusstmacht, dass Gott das, was hier läuft, eben nicht will. Den Turmbau zu Babel hat er auch nicht gewollt. Denn nicht er lässt uns in einer Krise allein oder schickt sie uns gar, sondern wir Menschen haben uns da ganz allein hinein manövriert und zwar über die Generationen hinweg.

Und jetzt sind wir dran, zu entdecken, dass wir uns aber nach der Fülle sehnen. Nach einer Fülle, die sich nicht in vollen Einkaufswägen zeigt, auch nicht in Schnäppchen oder Klopapiervorräten. Einer Fülle, die nicht materiell ist, sondern geistig. Die ich aber nicht erlange, wenn ich mich nur auf mich und mein Bewusstsein, meine eigene innere Balance und Wellness konzentriere. Eine Fülle, die ich nur in Gemeinschaft erfahre, in Solidarität und Nächstenliebe. Es erfüllt mich, wenn ich merke, wie wir zusammenhalten, wie wir einander unterstützen, auf andere hören und ihre Bedürfnisse sehen. Wenn ich sehe, wie Menschen zurückstecken und anderen helfen oder Gutes tun. Wenn ich sehe, wie Friday for future-Aktivisten auf dem Spargelfeld stehen und Studenten für andere Einkaufen.

Dann habe ich Hoffnung auf eine Umkehr in unserer Gesellschaft. Dann sehe ich Samenkörner, die gesät werden und aus denen eines Tages ein starker Baum erwachsen kann. So wie das Reich Gottes einem Samenkorn gleicht. „Und einiges fiel auf gutes Land“ (Mk 4,8).

Kirsten Müller-Oldenburg 3. Mai 2020