Predigt über 1. Petrus 5,5b-11 am 15. n. Trin 2019

Liebe Schwestern und Brüder,

„nur tote Fische schwimmen mit dem Strom“. Kennen Sie diesen Spruch? Als ich Konfirmandin war, da waren solche Sprüche total in. „Sponti-Sprüche“ hießen die, glaube ich, und es waren kurze freche Sprüche, die als Graffiti irgendwo hin geschrieben wurden.

„nur tote Fische schwimmen mit dem Strom“ – an diesen Spruch musste ich denken, als ich das Logo von unserem Kindergarten, dem Philippus-Kinderhaus, angeschaut habe. Ich hatte die Idee, unseren Philippus-Fisch dafür zu verwenden und Josua hat daraus ein wunderschönes, buntes Logo gemacht. Den großen Philippus-Fisch und die vielen kleinen bunten Fische in ein Logo zusammenzubringen, war gar nicht einfach. Unterschiedlich groß sollten sie werden. Bunt. Und sie schwammen dem Philippus-Fisch entgegen. Das sieht irgendwie besser aus, fanden wir. Wir wünschen uns ja kritische kleine Christen, die die Stimme erheben in dieser Welt, sich einsetzen für die, deren Stimme nicht gehört werden kann. Die wissen, dass das Reich Gottes größer ist als unsere Welt und dass wir als christen von dieser großen Liebe Gottes getragen sind, verbunden und getragen mit größeren Zusammenhängen von Liebe und Gnade, die unseren kleinen menschlichen Horizont übersteigt. Dass wir gegen den Strom, gegen den Trend der Zeit, gegen die Gesetzmäßigkeiten dieser Welt an einen glauben, der die Welt überwunden hat. „In der Welt habt ihr Angst oder Sorge, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden“ spricht dieser Bruder Jesus Christus zu uns.  Mutige kleine Christenfische schwimmen gegen den Strom, bewahren die Schöpfung, machen sich ihre eigenen Gedanken, stehen zu einem Glauben an eine bessere, andere Welt, üben Nächstenliebe wo andere Hass säen und stehen ein für ihren Glauben. Sie folgen Jesus nach. Denn sie sind lebendige kleine Fische. Mit dem Strom schwimmen nur tote Fische.

So wollen wir die kleinen Christen bestärken. Sich nicht bange machen zu lassen in dieser Welt. An das Gute zu glauben, stark zu werden, kritisch und mit eigener Stimme.

Im ersten Petrusbrief richtet sich der Schreiber im Namen des Apostels Paulus an eine Gemeinde in Kleinasien. Dort sind die Christen in der Minderheit, verstreut in einzelne kleine Gemeinden, die sich in der nicht-christlichen Umwelt gesammelt haben und dort versuchen, ihren Glauben zu leben. Der Briefschreiber will diese Menschen erreichen und motivieren, nicht aufzugeben. Am Glauben festzuhalten, auch wenn in ihrem Umfeld viele darüber spotten, sie sogar schmähen, verleumden, mit Hasskommentaren und Beleidigungen schlecht machen. Disliken.

Du Spacken, du Gut-Mensch, mit dir will keiner was zu tun haben. Gehst am Sonntag in die Kirche, glaubst du an Wunder oder was. Dein blaues Wunder kannst du gerne erleben, ich gebs dir. Und? Wo ist denn dein Jesus? Wo hilft er dir denn jetzt?

Hass-Kommentare. Hate speech. Wenn man anders ist, auf diese andere Wirklichkeit vertraut, sich an dem orientiert, der so sehr verleumdet, geschmäht, beleidigt wurde, dass er am Ende sogar an ein Kreuz genagelt und mit zwei Schwerverbrechern getötet wurde, dann läuft man Gefahr, lächerlich gemacht zu werden. Dann wird unser Landesbischof gedisst für seinen Einsatz im Mittelmeer. Man will ihn entkräften und lächerlich machen. Warum? Weil man Angst davor hat, dass zu viele begeistert sein werden. Weil er sich was traut. Er schwimmt gegen den Strom mit seinem Seenotrettungsschiff. Da wird er dafür schnell diffamiert. Er würde den Schleppern in die Hände arbeiten. Er würde das Ganze noch verschlimmern. Tut er nicht. Er betont, dass seine Schiffs-Aktion eine diakonische Tat ist. Er hilft Menschen, nicht zu ertrinken. Er rettet Frauen, Kindern, junge Männer, die sterben würden. Das ist unsere Aufgabe als Christen. Und gleichzeitig investiert er in Aufklärung vor Ort, in Maßnahmen gegen den Klimawandel, die größte Fluchtursache. Auch wir werden bald auf dem Trockenen sitzen und dann werden auch wir nachdenken müssen, wie und wo wir gut leben, genug Trinkwasser und Nahrung her bekommen können. Die fetten Jahre sind vorbei, verschließt nicht die Augen und erhebt eure Häupter aus dem Fernsehsessel.

Heinrich Bedford-Strohm lässt sich nicht beirren. Auch Greta Thunberg macht weiter, egal, ob man ihre Wirkung schmälern will, indem man sie lächerlich macht. Sie sei nur ein PR-Gag- Fake-News. Sie hätte sich im Ton vergriffen. Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom der großen Lobbyisten.

Vielleicht haben sich die Christen im damaligen kleinasiatischen Umfeld oft mutlos gefühlt. Früher hat man den ersten Petrusbrief so ausgelegt, dass man die „Leiden“ von denen er spricht für staatliche Verfolgungen gehalten hat. Die armen ersten Christen, die sich in den Katakomben treffen mussten. Sie waren verfolgt. Ja, das waren sie. Aber heute weiß man, dass das Problem nicht die staatliche Verfolgung war. Das größere Problem waren der ganz normale Nachbar. Die Mitmenschen. Denen war es ein Dorn im Auge, dass sich da diese Christen regelmäßig versammeln, Gott lob und Jesu meine Freude, Halleluja.

Sie waren suspekt. Was ist das, was sie so stark, froh und selbstbewusst macht? Das muss man ins Lächerliche ziehen, das muss man stoppen. Sie werden von einer Kraft getragen, die allen anderen unheimlich ist. Demütig sind sie. Nüchtern. Wachsam. Sie sind voll des Lobes, von fröhlicher Hoffnung, obwohl dazu doch wohl wirklich kein Grund ist! Menschen, die sich wie Christen nach einer höheren Macht ausrichten und strecken, machen den anderen manchmal Angst. Erregen Aufsehen, Ärgernis, sind den anderen verdächtig. Das kann man nicht einordnen, diese Kraft und Energie, die man spürt, ruft einfach in den Mitmenschen oft hervor, dass sie es eindämmen, schmälern, klein halten wollen. Das ist so. Die einen werden angesteckt von der Freude, die anderen wehren es ab.

Widersacher nennt man das. Und diese Widersacher sind weniger die staatlich organisierte Form der Unterdrückung als der Mitmensch, der gnadenlos seine Hass-Kommentare sendet. Klick. Weg. Gefällt vielen.

Aus diesen Leiden kommt man nicht einfach so raus. Das macht einem an manchen Tagen ganz viel aus. Ich werde lächerlich gemacht. Man sagt, ich sei eine Träumerin. Ich hätte keine Ahnung. Ich würde es halt einfach nicht verstehen, die Politik und wie alles zusammen hängt. Ich würde mich blenden lassen und die Realität nicht verstehen. Damit kann man mich treffen. Das wurmt mich und das macht mich wütend und traurig.

Gott sei Dank habe ich das Wort Gottes. Die Bibel. Den 1. Petrusbrief zum Beispiel. Er weitet mich. Macht mir Mut. Zeigt mir: Das war schon damals so. Sogar manchmal mitten in der Gemeinde ist es so. Es gibt immer welche, die kleingläubig sind. Ich richte mich auf auf das, was mir Kraft gibt. Verbinde mich mit der höheren Macht. Lobe Gott. Richte mich aus auf ihn und sein Wort. Mein Glaube zieht mein Herz empor zu dir, Gott. Das Lob macht mich frei. Weitet mich. Ich bleibe wachsam und nüchtern. Ich prüfe mich. Ich bitte dich, Gott, mich zu prüfen, ob ich auf rechtem Wege bin. Dein Wort ist meines Fußes Leuchte. Dir befehle ich meine Wege und was mein Herze kränkt. Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da mein Fuß gehen kann. Ja, ich gehe deine Wege, Herr. Ich lese, ich meditiere dein Wort, ich finde Geborgenheit und Frieden in meiner Heimat, der Bibel. Das ist meine Muttersprache, die ich hier spreche.

Danke, Herr. Ich finde Frieden und mein unruhiges Herz findet Ruhe bei dir. IN deinem Wort. In deiner Liebe, die so unbegreiflich ist und vor der ich mich in Demut beuge.

JA, der Widersacher streift umher wir ein brüllender Löwe. Ich habe wieder mal wie das Kaninchen vor der Schlange gesessen, war gelähmt vor Schreck und habe mich ins Bockshorn jagen lassen. Hatte Angst wie die Polizisten, die kein Namensschild an der Uniform tragen wollen, weil sie nicht identifiziert werden wollen von Hassgegnern. Hatte Angst, öffentlich diffamiert zu werden und Hassmails zu bekommen von Feiglingen, die anonym ins Handy tippen.

Aber du, lieber Petrusbriefschreiber, hast mir den Weg gezeigt raus aus dieser Spirale. Nicht festbeißen am anderen. Nicht von ihm die Energie abziehen lassen. Nicht den Mut verlieren oder die Hoffnung. Nein. Ich richte mich aus auf dich, Herr. Mein Mund ist voll des Lobes. Halleluja, groß bist du, Herr. Herrlich ist dein Name und du hast Jesus geschickt, meinen Herrn und Bruder. Er nimmt mich an der Hand. Er hat mir die Wege gezeigt. Und den Heiligen Geist hast du gesandt, der mich mit Lebenskraft und Hoffnung erfüllt. Dass du mich einstimmen lässt in deinen Jubel, oh Herr, das erhebt meine Seele zu dir, oh mein Gott, großer König, Lob sei dir und Ehre.

Und schon spüre ich, wie die Kraft mich erfüllt. Bis in die Fingerspitzen spüre ich die Energie. Ich öffne mich im Gebet, in der Meditation. Am besten spüre ich es, wenn ich ein paar Yoga-Übungen mache, meinen Körper und damit meinen Geist wachsam und nüchtern mache, Verkrampfungen löse, mich öffne für Kraft, die durch meinen Körper strömen will und dann in der Stille lausche, spüre, mir ein Wort aus der Bibel einfällt und ich es meditiere.

Und schon bin ich weg vom Widersacher. Er hat keine Macht mehr. Mag er brüllend umherstreifen wie ein Löwe oder durchs Gras zischen wie eine Otter. Ich bin längst woanders.

Denn die Demut ist nicht zu verwechseln mit einem Sich-Knechten-lassen. Sie ist kein Sich-dem-Leiden-Beugen. Denn meine Demut ist gerade nicht eine Unterwerfung unter die Leiden dieser Welt. Dann wäre ich ja dem Widersacher ausgeliefert und unterlegen. Würde meine andere Wange hinhalten und mich schlage lassen. „Du Opfer“. Stiefel ins Gesicht.

Nein, die Demut ist eine Haltung von mir Gott gegenüber. Ihm beuge ich mich. Und das macht mich stark. Vor dem Widersacher stehe ich aufrecht. Ich unterwerfe mich ihm nicht. Niemals. Er hat keine Macht über mich, denn egal was passiert, ich bin ausgerichtet auf Gott. Ihn lobe ich. Und diese Beziehung zu Gott pflege ich, in seinem Namen versammeln wir uns als Gemeinde und das ist die wahre Demut. Wir wissen, dass die Mächte dieser Welt keine Macht über uns haben. Wir leben in dieser Welt, wir fliehen nicht vor unseren Bürgerpflichten und wir bringen uns hier ein, doch gleichzeitig wissen wir, dass unser Herr ein anderer ist und dass wir als Gemeinde uns versammeln um den Altar, um ihn zu loben. Diese Demut, dieses Kennen der eignen menschlichen Grenzen, diese Gemeinschaft in seinem Namen macht uns stark. Wenn wir gemeinsam beten, meditieren, achtsam leben, dann macht uns diese Gemeinschaft stark in seinem Namen. Dann haben wir einen Zugang zu dieser Kraft und leben in einer wahren Verbindung zu ihm.

Denn wir sind gerufen. Wir schwimmen gegen den Strom. Nur so gelangen wir zur Quelle des Lebens.

Amen.