Bleiben Sie gesund

veröffentlicht in der Mainpost Würzburg 20.03.2020

„Bleiben Sie gesund!“, ruft die Verkäuferin einem älteren Herrn hinterher. Diesen und ähnliche Wünsche höre ich in diesen Tagen häufiger. „Bleibt behütet“ steht unter vielen mails.

Ich erinnere mich an meine Großtante, die uns zum Abschied immer „Gott befohlen!“ sagte. Für unsere Kinderohren altmodisch, aber eigentlich ein sehr liebevoller Segenswunsch. Die alte Tante hat uns und unsere Wege damit Gott „anbefohlen“ oder anvertraut.

Für mich sind diese neuen alten Abschiedswünsche lauter kleine Segnungen. Zeichen für ein neues Denken an die Mitmenschen, das bei uns genauso Einzug hält wie die befremdlichen Geschehnisse, die zunächst mehr Beachtung fanden: Desinfektionsmitteldiebstahl oder Hamsterkäufe.

Wir spüren neu, dass wir nicht alles selbst in der Hand haben können. Was nächste Woche sein wird, wissen wir noch nicht. Wir konzentrieren uns auf das Hier und Jetzt.

Ein kleiner, handgeschriebener Zettel macht Schule, den eine Studenten-WG den Nachbarn in den Briefkasten geworfen hat: „Wir sind gesund, falls Sie einer Risikogruppe angehören und Hilfe benötigen, geben Sie uns eine Einkaufsliste, wir stellen Ihnen die Einkäufe vor die Tür!“. Immer mehr solcher Angebote gibt es, man nennt es auch „Nachbarschafts-Challenge“.

Nein, ich kann meine alte, kranke Mutter im Moment nicht besuchen. Aber ich rufe sie täglich an, bin in Gedanken intensiver bei ihr und mit ihr irgendwie wieder bewusster verbunden.

Auch für die Umwelt macht sich die Krise bemerkbar. China ist vom Weltraum aus wieder zu sehen. Die CO² Emissionen sind so zurückgegangen, wie wir es uns schon lange gewünscht hatten.

Ich sehe beides in diesen Tagen: zugleich Schrecken und Chance.

Wir geben langsam den Gedanken auf, all die Veranstaltungen einfach verschieben zu können. Wir ahnen, dass das Ganze länger dauert als ein paar Wochen. Wir merken, dass es uns immer mehr auch in unserem Umfeld betrifft. Und dass es unser gesamtes Verhalten vielleicht nachhaltig verändern könnte. Eine Fastenerfahrung der ganz anderen Sorte.

Vielleicht wird unser Kalender auch nach dieser Corona-Krise nicht mehr so voll aussehen. Vielleicht drehen wir uns auch in Zukunft nicht mehr nur um unser eigenes Wohlergehen. Vielleicht wird der Gruß „Bleibt behütet“ in unserem Wortschatz verweilen. Vielleicht werden wir alle wieder mehr aufeinander achten. Bleiben Sie behütet!

Pfarrerin Kirsten Müller-Oldenburg

Pfarrerin der Philippus-Kirchengemeinde Eisingen, Kist und Waldbrunn und in der Diakonie Würzburg